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Wenn in Russland das Fluggepäck fehlt oder wie deutsche Journalisten uns Angst vor Russland machen
Von admin | 18.August 2009
Medwedjew trifft sich mit Merkel, Russen steigen bei deutschen Konzernen ein. Alles Friede, Freude, Eierkuchen? Doch nicht für selbsternannte Russlandkenner, die die deutschen Printmedien bevölkern und vor allem während des Sommerlochs immer eine negative Geschichte über Russland parat haben. So z.B. brachte die „Reihnische Post“ am 15. August einen Artikel mit dem nichts Gutes ahnenden Titel „Wenn in Russland das Fluggepäck fehlt“. Der Artikel wurde in der Rubrik „Weitsicht“ veröffentlicht.
„Wenn eine Airline das Gepäck ihrer Passagiere verliert, ist das überall auf der Welt ein Ärgernis. In Russland ist es ein Alptraum“, so die erste „Weitsicht“ der Autorin, die als Journalistin aus Moskau berichtet. Genau das ist der Dame passiert – ihr Koffer kam in Moskau nicht an. Und, oh Schreck sie musste…. Beamten bestechen? Zwei Wochen auf ihr Gepäck warten? Oder vielleicht bekam sie ihren Koffer gar nicht mehr? Nein, sie musste „Formulare, Formulare, Formulare“ ausfüllen. Können Sie sich das vorstellen? Sogar „eine Zollerklärung in doppelter Ausführung“ war dabei. Nun, wenn das keine Schikane ist! Außerdem musste sie (am nächsten Tag wohlgemerkt und nicht eine Ewigkeit später) selbst ihren Koffer abholen. „Das kostet mich einen halben Arbeitstag und 70 Euro Taxigebühren“, beschwert sich die Journalistin. Schade ums Geld. Aber vielleicht wäre es sinnvoll gewesen mit dem einmal die Stunde fahrenden komfortablen Expresszug zum Flughafen zu fahren, der zu einem zentralen Bahnhof fährt und den alle Geschäftsleute nutzen, die zumindest einmal in Moskau waren. Denn richtig viel beschäftigte Menschen haben keine Lust auf ewige Moskauer Staus und teuere Taxen. Mit dem „Aeroexpress“ aber hat man für 250 Rubel (ca. 6 EUR) in einer halben Stunde sein Ziel erreicht. Insgesamt gibt es fünf verschiedene öffentliche Verkehrsmittel, die zum Flughafen Scheremetjewo bzw. in die Stadt fahren. Um das zu erfahren, hätte man nur einmal ins Internet gehen müssen, z.B. auf die Seite www.svo.aero. Eigentlich gehören solche Informationen zum Basiswissen eines Auslandskorrespondenten, oder?
Jedenfalls waren die Strapazen von der RP Autorin nicht zu Ende, als eine Dame aus der Gepäckaufbewahrung ihren Koffern hinter sich her rollte. Sie musste noch durch die Zollabfertigung. Und hier fing das große Drama erst an. Denn beim Zoll herrschte „gähnende Lehre„ und eine „dicke Zollbeamtin“ (warum die Erwähnung der Körpergröße der Beamtin so wichtig ist, bleibt unklar) bremste die Unglückliche aus: erst müssen alle Passagiere aus Kabul abgefertigt werden, dann wäre sie an der Reihe. Jetzt fangen wir an, die Journalistin so richtig zu bemitleiden. Wahrscheinlich folgt jetzt ein Bericht über unzählige Stunden, die sie im Flughafen auf ihren Koffer warten musste…Falschgeraten! Einige Minuten später bekam sie ihr Gepäck zurück. Wie hat das funktioniert? Weil sie die obenerwähnte dicke Zollbeamtin anherrschte und auf verlorene Arbeitzeit, Angela Merkel und Wladimir Putin verwies. „Na schön, kommen Sie mal her“, sagte schließlich die Zollbeamtin. Dann war nur noch ein Formular auszufüllen. Der Koffer musste geöffnet werden, dann konnte sie „schweißgebadet“ ihr Gepäck aus dem Terminal rollen. Warum die Journalistin schweißgebadet war, bleibt auch unklar. Nicht etwa wegen einem Gespräch mit dem Zoll! Oder vielleicht versuchte sie doch etwas einzuschmuggeln? Aber Spaß bei Seite. Die Story ist doch herzzerreißend! Schade, dass die „dicke Zollbeamtin“ den Artikel in der Rheinischen Post nicht lesen konnte. Sie hätte sich sehr gewundert, wie sie darin wegkam. Denn eigentlich war sie äußerst nett: hat menschlich und nicht bürokratisch reagiert, gegen ihre Vorschriften verstoßen, um einer Frau zu helfen, die ihr anscheinend Leid tat. Alle Probleme kann man mit den angeblich allesamt korrupten russischen Beamten eben im Dialog regeln. Auch so Binseweißheit für einen richtigen Russlandkenner. Für einen Menschen, der im Land lebt. Aber wahrscheinlich nicht für jemanden, der über das Land schreibt. Tja, die kleine Geschichte über den verlorenen Koffer. Ein richtiger Alptraum eben! Denn eigentlich hätte die Journalistin ihren Koffer kostenlos vor die Tür geliefert bekommen sollen. Das sehen internationale Regeln vor, belehrt sie den Leser. Allerdings hatte sie sich falsch informiert. Denn nicht immer hat man einen Anspruch auf die Nachlieferung. Das hängt vom jeweiligen Land und der jeweiligen Fluggesellschaft ab. Ansonsten braucht man nur kurz ins Internet zu gehen, um richtige Horrorberichte über verlorene Koffer in Italien, Amerika, Türkei oder sonst wo auf der Welt zu lesen. Doch aus der Sicht der deutschen Journalistin gibt es nur ein Land, wo es keine Passagierrechte gibt, nämlich Russland.
„Wusste ich doch: keine Geschäfte mit den Russen. Bei denen beginnen die Probleme schon am Flughafen“, würde wahrscheinlich ein Geschäftsmann nach der Lektüre eines solchen Artikels denken. „Moskau hat zwei Gesichter“, sagte mir ein deutscher Architekt, der in Russland sehr erfolgreich ist. „Ein hässliches und ein schönes. Es liegt an einem selbst, welches Gesicht man sehen möchte“. Schade, wenn der sogenannte kritische Journalismus seine Aufgabe darin sieht, nur das Hässliche zu zeigen und es dabei nicht mal für nötig hält, gut zu recherchieren.
(Daria Boll-Palievskaya, interkulturelle Trainerin)
Tags:Flughafen, Fuggepäck, Journalismus, Russland, ZollTopics: Einreise nach Russland | 2 Kommentare »
19.August 2009 at 09:00
[...] 6. “Wie deutsche Journalisten uns Angst vor Russland machen” (russland-wirtschaft.de, Daria Boll-Palievskaya) Ein erheiternder Beitrag über eine Journalistin der Rheinischen Post, die einen Artikel darüber schrieb, wie ihr Koffer nicht in Moskau ankam. Um 6 Minuten vor 9 Uhr erscheinen hier von Montag bis Freitag handverlesene Links zu Online-Storys aus alten und neuen Medien. Link-Tipps gerne bis 8 Uhr an tipps.medienlese bei blogwerk punkt com. [...]
19.August 2009 at 17:52
da stand die sonne der Erkenntnis wohl recht niedrig bei der berichtenden Journalistin